Die Rede von Prälat Peter Kossen, Ständiger Vertreter des Bischöflichen Offizials

Prälat Peter Kossen
Im Buch Levitikus im Alten Testament heißt es im 19. Kapitel: „Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.“   (Lev 19,33f.). Migration gab es zu allen Zeiten der Menschheit. Es ist kein Phänomen unserer Tage und, global betrachtet, auch nicht in erster Linie ein europäisches Phänomen. Migration war und ist oft von Armut, Hunger und Kriegsgeschehen ausgelöst.

Viele Erzählungen der Bibel sind Migrationsgeschichten, Erfahrungen des Volkes Gottes „auf dem Weg“: Abraham ist die große Glaubensgestalt, auf die sich Juden, Christen und Muslime berufen. Auf Gottes Wort hin verlässt er die Heimat und bleibt sein Leben lang unterwegs. Die Einwanderung Jakobs und seiner Söhne in Ägypten zwei Generationen später ist einer Hungersnot in Israel geschuldet. Der Auszug des Volkes Israel aus Ägypten ist dann die Befreiung aus der Sklaverei dort. Weihnachten, Herbergssuche – die Geschichte der Menschwerdung Gottes – ist eine Erfahrung von Migration, Obdachlosigkeit und Flucht! Jesus von Nazareth begreift seine Sendung als Weg zu den Menschen, besonders zu den Verlorenen und zu denen am Rande. Seine Jüngerinnen und Jünger sendet er mit der Frohen Botschaft in die ganze Welt als Schwestern und Brüder aller Menschen. „Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen“, so heißt es im Gleichnis vom Weltgericht. Fremde ins Haus aufnehmen gilt als „Werk der Barmherzigkeit“.

Migration hat viele Gesichter: Im und nach dem 2. Weltkrieg kamen 12 Millionen Menschen aus den deutschen Ostgebieten in den Westen und blieben hier. Moderne Arbeitsmigration wurde in Deutschland gefördert und gelebt durch die Gastarbeiter in den 60er Jahren. Die Auflösung der Sowjetunion und des Ostblocks hat die Übersiedlung großer deutscher Minderheiten aus Osteuropa nach Deutschland vor allem in den 90er Jahren angestoßen. Krieg auf dem Balkan hat zu Beginn der 90er Jahre Flüchtlingsströme ausgelöst, deren Ausmaße an die aktuelle Situation heranreichen. Durch die Osterweiterung der EU wurde Arbeitsmigration größeren Stils aus Ost- und Südosteuropa nach und nach möglich gemacht.

Auf der Flucht sind in diesen Tagen weltweit etwa 60 Millionen Menschen. 50% von ihnen sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren! Wenn man weiß, dass allein in Kolumbien sechs Millionen Menschen innerhalb des Landes auf der Flucht sind, dann relativiert das nicht die Not der Flüchtlinge, die es nach Europa schaffen und die Herausforderung, sie hier menschenwürdig aufzunehmen. Aber es wird deutlich, dass die Völkerwanderungen unserer Tage mehrheitlich weit weg von uns stattfinden mit gravierenden Begleiterscheinungen von Not und Verzweiflung. Noch immer nehmen Entwicklungsländer 86 % der Flüchtlinge auf! Syrische Flüchtlinge außerhalb Syriens gab es zu Millionen bereits vor dem Spätsommer 2015, zum Beispiel im Libanon und in der Türkei. Dann haben sie sich in Scharen auf den Weg gemacht dorthin, wo man sie bisher weitgehend ignoriert hatte. Ursachen von Kriegen, Bürger-Kriegen und Unrechtsregimen reichen mitunter bis zu uns.

Da, wo wir uns daran gewöhnt haben, dass 1 % der Menschen mehr als 50 % der Reichtümer der Erde besitzen, dass im November und Dezember des vergangenen Jahres 700.000 Kinder in der Sahel-Zone verhungert sind: mehr als 17.000 Kinder an jedem Tag!, da, wo das ein Stück Normalität wird, wo achselzuckend gesagt wird: „Wir sind nicht das Sozialamt der Welt“, da ist die westliche Welt involviert: In die Ursachen, nicht nur in die Auswirkungen! In Burkina Faso sind tausende Hektar fruchtbaren Ackerlandes für 99 Jahre zum Anbau von Baumwolle an internationale Unternehmen verpachtet worden. Der Bevölkerung fehlt diese Fläche zum Anbau von Nahrungsmitteln. So entsteht Hungersnot! Ist es verwunderlich oder gar illegal, wenn Menschen aus Mali, Burkina Faso, Tschad, Gambia, Mauretanien oder Niger in Richtung Europa aufbrechen, um dem Hungertod zu entkommen und für sich und ihre Familie eine Lebensperspektive zu gewinnen? Sind das dann „nur“ Wirtschaftsflüchtlinge?

Migranten ohne Einwanderungsperspektive wählen gefährliche Routen aus wie die über das Mittelmeer. Sie geraten in die Hände von Menschenhändlern. Vom Westbalkan kommen außerdem Hunderttausende ohne Chancen auf Anerkennung als Flüchtling in Deutschland. Wenn die Wege gefährlicher werden, fliehen nicht weniger Menschen, aber es sterben mehr auf der Flucht! Mit dem kriminellen und menschenverachtenden Werk von Schleppern und Schleusern sind verschiedenste Gefahren verbunden: Menschen verlieren ihr Leben in überfüllten Booten und Fahrzeugen oder erleben Traumatisierung durch Vergewaltigung, Ausbeutung oder den Verlust von Familienangehörigen.

Vorsichtige Schätzungen gehen von einer Million Asylsuchender in Deutschland im Jahr 2015 aus. Das ist deutlich mehr als die 715.000 im Jahr 2014 in Deutschland geborenen Kinder, von denen wiederum ein Drittel einen Migrationshintergrund hat.

„Willkommenskultur – Wieviel Kraft haben/brauchen wir noch?“ - Der große Zustrom, der scheinbar nicht abreißt, macht viele ratlos: Wohin mit all diesen Flüchtlingen, die nichts mitbringen als einen Sack voller Angst, die unsere Sprache nicht sprechen, Muslime sind und möglicherweise ihre Familien nachholen wollen?

Fast entschuldigend wird manchmal erwähnt, dass Akademiker darunter sind, Fachkräfte, Handwerker… Das trifft sicher zu auf einen Teil von ihnen. Andere haben es bis hierhin geschafft, ohne dass sie zu den besser Situierten weil besser Ausgebildeten in ihrer Heimat gehört haben. Wird die große Zahl der Flüchtlinge erträglicher bei nachgewiesener Verwendbarkeit? Vor dem Hintergrund von Verfolgung und Terror sind Nützlichkeit und Verwendbarkeit kein Kriterium für das Bleiberecht Asylsuchender! Menschen, die um ihr Leben rennen mussten und uns um Sicherheit und Frieden bitten, werden aufgenommen um ihrer selbst willen! Ob wir sie brauchen können und was sie uns kosten – es ist zynisch, das zu fragen und die Antwort als Argument zu benutzen. Gelungene Integration hat unserm Land und seiner Wirtschaft immer gut getan. Italiener, Spanier, Türken, Vietnamesen, Russlanddeutsche… belegen das mit ihren Lebensgeschichten nachdrücklich.

Demographische Kennzahlen sprechen eine deutliche Sprache: Zuwanderung verlangsamt fatale Entwicklungen oder kehrt sie sogar um. Der Fachkräftemangel ist vielerorts ein echtes Problem. Kein Wunder, dass Handwerk und Industrie Migrations-Bewegungen als Chance erkennen und Erleichterungen bei der Einstellung verlangen. Ausnahmen vom gesetzlichen Mindestlohn werden jetzt vermehrt gefordert. Aber Vorsicht ist geboten!

Arbeitsmigranten sind schon vor der Flüchtlingswelle bei uns unter die Räder geraten, werden als moderne Sklaven in der Fleischindustrie, als Erntehelfer, Schweißer, LKW-Fahrer, Zimmermädchen… ausgebeutet und gedemütigt. Menschenhandel ist der einträglichste Handel in unserer Zeit. Der Missbrauch der Werkverträge frisst sich wie ein Krebsgeschwür quer durch unsere Volkswirtschaft. Dabei heraus gekommen ist die Verdrängung von Stammbelegschaften. Im großen Stil werden Rumänen, Bulgaren, Ungarn… für schwerste Arbeiten mit niedrigsten Löhnen ausgebeutet. Bis zu 80% der Arbeitsplätze in der Fleischindustrie sind mit Werkvertrags- und Leiharbeitern besetzt. Rechtsfreie Räume sind entstanden, Parallelwelten mitten unter uns. Kinder sind betroffen, schwangere Frauen, Kranke ohne Versicherung…! Arbeitsstrich, Straßenstrich, Zwangsprostitution - alles da, auch hier bei uns!
Flüchtlinge sollen arbeiten dürfen, je eher, desto besser. Aber in guter Arbeit! Ihr Platz in unserer Gesellschaft darf nicht der sein noch unterhalb der Lohnsklaven aus Rumänien und Bulgarien, geduldet, weil noch billiger und williger.

„Willkommenskultur – Wieviel Kraft haben/brauchen wir noch?“ Unüberschaubar viele Menschen engagieren sich in unserm Land für die Flüchtlinge. Viele haben sich anrühren lassen, haben verstanden: „Menschen brauchen Menschen!“ Ein Dach über dem Kopf, warme Kleidung, Essen und Trinken, Medizin und manches andere wird haupt- und ehrenamtlich zur Verfügung gestellt, aber auch Wahrnehmung, freundliche Ansprache, ein ehrliches „Willkommen!“ – Hilfe bekam Gesichter und Namen, buchstäblich Hand und Fuß. Die Unterstützung von Migranten und Flüchtlingen mit ihren individuellen Schicksalen prägen auch das Tagesgeschehen in Diensten und Einrichtungen der Diakonie und Caritas. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Rathäusern und in den  Kreisämtern, den erfahrenen Helfern bei den Hilfsdiensten, den vielen Ehrenamtlichen in Vereinen und Initiativen gilt großer Respekt und Dank! - Manche Besitzstandswahrer hingegen möchte ich fragen: Wer von uns hat schon auf irgendetwas verzichten müssen? Wer von uns hat sich bisher wirklich einschränken müssen wegen der Flüchtlinge?
 
Der mit „deutscher Gründlichkeit“ handelnde und regelnde deutsche Staat ist heillos überfordert. – Das gibt Raum für bürgerschaftliches, ehrenamtliches Engagement von einem Ausmaß, das weltweit, gerade auch in der muslimischen Welt, Beachtung und Anerkennung findet. Die Not der Flüchtlinge „weckt die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit“. „Die Flüchtlinge retten die Gemeinden“, hat der Caritas-Direktor des Bistums Hildesheim schon vor Monaten gesagt. Und unser Staat lernt hier von neuem „Subsidiarität“: Was vor Ort geleistet werden kann, das soll die höhere Ebene unterstützen, aber nicht übernehmen! Bürokratieabbau ist ein wichtiger Beitrag, den Behörden leisten können!

Christliche Gemeinden finden wieder ihr Innerstes, wo sie herausgehen aus bürgerlicher Sattheit an die Ränder  der Gesellschaft. Wenn es so etwas wie ein „christliches Abendland“ gibt, dann an dieser Stelle!

Akute Not lindern, ist das Eine und das Erste. Es muss aber auch um die Ursachen gehen. Das „globale Dorf“, die Weltwirtschaft, braucht Impulse für eine neue, menschengerechte und schöpfungsgerechte Weise des Wirtschaftens, damit die Gründe für Flucht beseitigt werden können. Ich bin überzeugt, wir Christen müssen wesentlich an diesen Impulsen mitwirken. Zum Beispiel mit der Einforderung von Solidarität. Christen sind der Solidarität verpflichtet!

„Solidarität“ ist die Einheit in der Vielfalt. Sie beschreibt, was Menschen miteinander verbindet, einen gemeinsamen Willen, eine gemeinsame Aufgabe; sie ist das Bewusstsein für das, was man einander schuldig ist. Solidarität gründet in der Menschenwürde, die wir als Christen aus der Gottebenbildlichkeit des Menschen ableiten.

Die Pflicht zur Solidarität richtet sich nicht nur auf den Personenkreis, der mir am nächsten steht, sondern auf alle Menschen. Johannes Paul II. sagt in der Enzyklika Sollicitudo rei socialis (38): „Sie ist die feste und beständige Entschlossenheit, sich für das „Gemeinwohl“ einzusetzen, das heißt, für das Wohl aller und eines jeden, weil wir alle für alle in Verantwortung genommen sind.“ Das sollten wir beim Stichwort „Flüchtlinge“ nicht vergessen. Europa kann und darf die Zäune gar nicht so hoch machen, dass perspektivlose Menschen anderer Länder nicht doch in großer Zahl versuchen würden, hinüber zu kommen. Abschottung kann nicht funktionieren. Eine „Festung Europa“ kann und darf es nicht geben!

In einer globalisierten Welt wird Solidarität als Haltung in den zunehmenden Austausch- und Abhängigkeitsverhältnissen überlebenswichtig, soll nicht der Marktliberalismus und das „freie Spiel der Kräfte“ stilprägend werden. Bildung und Entwicklung für die ärmsten Länder der Welt sind in der Völkergemeinschaft inspiriert vom Gedanken der Solidarität. Die Verpflichtung zum nachhaltigen Wirtschaften wird plausibel, wenn der Gedanke der Solidarität ausgeweitet wird auch auf die nachfolgenden Generationen von Menschen. Weltweite Verflechtungen und Abhängigkeiten bringen nicht von allein Solidarität hervor. Unterdrückung und Ausbeutung scheint vielmehr die natürliche Folge dieser Abhängigkeiten zu sein. Dies wiederum bringt Hungersnöte, soziale Unruhen und Gewalt hervor. Der internationale Terrorismus ist die Folge fehlender internationaler Solidarität, und in einer globalisierten Welt ist dieser Terrorismus offensichtlich auch nicht mehr lokal einzugrenzen.

Umfassende Solidarität ist von einem Menschenbild geprägt, das Menschenrechte und Menschenwürde unterschiedslos allen Menschen zuspricht. Sie zeigt als Wesensmerkmal die Bereitschaft zum Teilen, zur Achtung voreinander und zur Zusammenarbeit miteinander – und zwar auf Weltebene. Schon seit mehr als 20 Jahren werden in Kalorien so viele Lebensmittel produziert, dass jeder Mensch auf der Welt jeden Tag satt werden könnte. Könnte! – Wir haben kein Knappheitsproblem. Wir haben ein Verteilungsproblem! Inseln des Wohlstandes wird es in Zukunft nicht mehr geben können. Es darf sie auch nicht geben!

Solidarität ermöglicht Teilhabe. Solidarität sensibilisiert für die Wirklichkeit, dass die Völker gemeinsam überleben oder gemeinsam untergehen. Die Zukunft der Menschheit entscheidet sich an ihrer Bereitschaft und Fähigkeit zur Solidarität.

Papst Franziskus macht in seiner Enzyklika „Laudato si“ auf den Zusammenhang von Armut und Umweltzerstörung aufmerksam. Er schreibt: „Die menschliche Umwelt und die natürliche Umwelt verschlechtern sich gemeinsam, und wir werden die Umweltzerstörung nicht sachgemäß angehen können, wenn wir nicht auf die Ursachen achten, die mit dem Niedergang auf menschlicher und sozialer Ebene zusammenhängen. Tatsächlich schädigen der Verfall der Umwelt und der der Gesellschaft in besonderer Weise die Schwächsten des Planeten.“ (48) In seiner Botschaft zum Welttag des Migranten und des Flüchtlings 2015 hat der Papst gesagt: „… Auf die Globalisierung des Phänomens der Migration muss mit der Globalisierung der Nächstenliebe und der Zusammenarbeit geantwortet werden, um die Lage der Migranten menschlicher zu gestalten…“.

Immer wieder wird in der öffentlichen Diskussion eine Obergrenze der Aufnahme von Flüchtlingen gefordert. Aber ich höre keine plausible und praktikable Erklärung, was dann mit dem „überzähligen“ Verfolgten passiert, der jenseits der Obergrenze an unsere Tür klopft und um Asyl bittet. Unser Bischof Felix Genn hat dazu deutlich Stellung bezogen und gesagt: „Wir haben nicht das Recht, der Nächstenliebe Obergrenzen zu setzen.“

Ein Problem und dauernder Kritikpunkt ist der Berg unbearbeiteter Asylanträge in unserm Land. Bei allem Verständnis für die Überlastungssituation der Behörden und bei allem notwendigen Bemühen um mehr Effizienz und Schnelligkeit in der Bearbeitung der Asylanträge muss auch in Zukunft gelten: Jeder Einzelfall wird geprüft! Menschlichkeit gebietet eine Chance für jede und jeden, die persönliche Notlage erzählen zu dürfen. Rückführungen der Nichtbleibeberechtigten sind auch ein Teil dieser Menschlichkeit.

„Willkommenskultur – Wieviel Kraft haben/brauchen wir noch?“ Fast nebenbei, aber mit viel Fantasie, mit Einfühlungsvermögen und großem menschlichen Einsatz geschieht vielfältig Integration vor Ort: Lotsendienste, Sprachkurse, Migrantenmedizin, Patenschaften, Nähcafés, Begegnungsfeste, Fahrradkurse, Hausaufgabenhilfe, Fußballturniere, Kochkurse … sind konkrete Integration, sind Hilfe zum Ankommen und zum Leben mit uns und unter uns. Familien nehmen unbegleitete Jugendliche auf und machen bemerkenswerte Erfahrungen. Unterstützend und koordinierend wirken langjährig erfahrene Beratungsdienste der Caritas und Diakonie. „Integration“ ist aber keine Einbahnstraße und keine „Bringschuld“ der Flüchtlinge. Vielmehr verändert sich auch das Leben und das Land der Gastgeber, und das ist gut so! Flüchtlinge haben oft nur ihr Leben retten können, und doch bringen sie einen großen menschlichen Reichtum mit. Die Herausforderungen der Flüchtlingshilfe und das Leben mit den Flüchtlingen erfordern und stärken eine interkulturelle Kompetenz!
 
Es ist wohl ein mitunter mühsamer, aber doch lohnender Weg, sich mit fremden Kulturen und Religionen auseinanderzusetzen, gerade, wenn sie durch konkrete Menschen in unsere Gesellschaft hinein getragen werden. Gründliches Studieren von Schriften, genauso das offene Gespräch und die wechselseitige Gastfreundschaft sind die kleinen wichtigen Schritte auf diesem Weg. Geduld und langer Atem, natürliche Neugier und persönliche Herzensweite  erleichtern dabei die interkulturelle Sensibilität. Die Fähigkeit, sich in Frage stellen zu lassen, und die Bereitschaft, gerade durch die Konfrontation mit dem Fremden Neues zu lernen – über die anderen, aber auch über sich selbst – kennzeichnen interkulturelle Kompetenz und Sensibilität. Hier gibt es beeindruckende Beispiele aus der europäischen Geschichte, wie fremde Kulturen im Ringen miteinander sich gegenseitig bereichert haben. Oft war dieser Zustand allerdings fragil und konnte nur eine gewisse Zeit durchgehalten werden.

Fremdes schafft leicht Verunsicherung. Wenn Religionen und Kulturen aufeinander treffen, kann viel Wertvolles zusammengebracht werden. Manches wird nie zusammen passen und kann auch nicht zur Disposition gestellt werden. Aber im Dialog, im Ringen miteinander, im geduldigen aufeinander zu Gehen liegt die Chance, bleibende Unterschiede auszuhalten! Oft wird man sagen müssen: Das, was geht, ist friedliche Koexistenz - nicht mehr, nicht weniger.

„Wir können nicht mehr!“, wenn Menschen das sagen, muss man es genauso ernst nehmen, wie das Wort unserer Bundeskanzlerin: „Wir schaffen das!“ Wenigstens dann, wenn es sich um Engagierte handelt. Wieviel geht noch? Wieviel Kraft haben wir noch? Wieviel Kraft brauchen wir noch?  Ein Maßstab für die Anstrengungen, die wir uns und anderen zumuten, ist die Not und sind die Einzelschicksale der Flüchtlinge. Im Kennenlernen eines konkreten Flüchtlings und seiner/ihrer Erfahrungen klärt sich die Relevanz und das richtige Maß unserer Hilfe und Gastfreundschaft. Angesichts ihrer Schilderungen von Massenmord, Vergewaltigungen, Versklavung und Vertreibung und angesichts der Tatsache, dass auch viele Kinder und unbegleitete Jugendliche unter den Flüchtlingen sind, fällt es mir und wohl vielen schwer zu sagen: „Wir können nicht mehr!“

Gleichwohl meine ich, dass man die Flüchtlinge, die es bis hierher zu uns geschafft haben, noch ganz anders in die Flüchtlingshilfe aktiv einbinden kann und muss. Ich werbe darum, Flüchtlinge als Subjekte zu betrachten, als leistungsfähige und leistungswillige Partner und Partnerinnen, als Teil des „wir“. Wer diesen Menschen etwas zutraut, zum Beispiel, dass sie selbst etwas beitragen und selbst anderen weiter helfen können, der begegnet ihnen auf „Augenhöhe“. Es ist nicht leistbar und auch nicht nötig, immer nur „für“ die Flüchtlinge zu planen und zu arbeiten. Zielführender scheint es mir zu sein, „mit“ ihnen zu planen und zu arbeiten. Subsidiarität ist gefragt: nur so viel Hilfe und Förderung, wie nötig, damit die Würde dieser Menschen nicht verletzt wird und ihre Fähigkeiten gut genutzt werden.

Als sehr hilfreich und notwendig hat sich gezeigt, dass die Ehrenamtskoordination personell und finanziell unterstützt wird. Die Katholische Kirche im Oldenburger Land hat dazu 3,5 Vollzeitstellen für Sozialarbeiter geschaffen, die vor Ort versuchen, die große Solidarität und Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung in der Weise zu fördern und zu kanalisieren, dass Bedarfe befriedigt und Angebote bekannt gemacht und angenommen werden können. Denn die Herausforderung „Flüchtlingshilfe“ wird unsere Gesellschaft lange begleiten und ist nur anzunehmen und zu bewältigen als gesellschaftliche Aufgabe. Und es wird immer wieder nötig sein, Menschen davor zu bewahren, sich selbst zu überschätzen und zu überfordern.

„Willkommenskultur – Wieviel Kraft haben/brauchen wir noch?“ – Meine sehr geehrten Damen und Herren, Sie haben gemerkt: Ich kann Ihnen diese Frage nicht beantworten. Allerdings will ich gern meiner Zuversicht Ausdruck verleihen, dass Gott uns Menschen und Mittel schenkt, wenn wir eintreten für Frieden, für Gerechtigkeit und für die Bewahrung der Schöpfung. Dauerhafter Wohlstand und weitherzige Großzügigkeit bedingen einander.

Ich hatte in meinem bisherigen Leben noch nie den Eindruck, dass ich stolz sein sollte auf unsere Bundesregierung. In diesen Tagen bin ich stolz auf unsere Bundeskanzlerin und auf Frank-Walter Steinmeier. Was die beiden zur Zeit tun und sagen, das wird von ihrer Regierung übrig bleiben!

Die Flüchtlinge und ihre Not werden uns auf unabsehbare Zeit herausfordern. Als Christen gehen wir diese Aufgabe nüchtern und wachsam, aber auch mit Herzensweite und Zuversicht an. Ich ermutige Sie, diese Zuversicht zu teilen – und das mit Freude zu tun, denn: „Gott liebt einen fröhlichen Geber!“ (2 Kor 9,7)

 


 
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