Festrede von Petra Wontorra, Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen, anlässlich des 30. Neujahrsempfangs des Landkreises Ammerland

Frau Petra Wontorra
Sehr geehrter Herr Landrat Bensberg,
Sehr geehrte Bundestags-Abgeordnete,
Sehr geehrte Landtagsabgeordnete, Bürgermeister und stellvertretende Bürgermeister, liebe Gäste oder wie mein englischer Austauschschüler gesagt hätte „Liebe alle“!

Auch von mir die besten Wünsche für das neue Jahr für Sie und Ihre Familien. Möge das neue Jahr Frieden und Gesundheit für uns alle bereithalten.

Als mich Landrat Jörg Bensberg schon Anfang Juni letzten Jahres gefragt hat, ob ich beim diesjährigen Neujahrsempfang reden möchte, habe ich mich sehr gefreut. Gefreut habe ich mich besonders deshalb, weil er das Thema Inklusion ausgewählt hat. Ein Thema, was alle angeht, denn es betrifft uns alle. 2017 ist schon ein paar Tage alt, die guten Vorsätze konnten sich setzen und vielleicht kommt dann die Frage: Wie schaffe ich das, meine ganz persönlichen Vorsätze umzusetzen? Genauso können wir bei der Inklusion – also bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention - fragen: Wie schaffen wir das?

Inklusion ist ein sperriges Wort, das genau genommen nicht mal der UN-Behindertenrechtskonvention entspricht: Denn danach sollen auch alle Menschen verstehen können, was man sagt. Leichte oder auch verständliche Sprache ist das ja nun nicht wirklich ;-)

Was bedeutet denn nun Inklusion? Viele kennen diesen Begriff eher aus dem Bereich Schule. Inklusion heißt wörtlich übersetzt Zugehörigkeit, also das Gegenteil von Ausgrenzung.

Wenn jeder Mensch – mit oder ohne Behinderung – überall dabei sein kann, in der Schule, am Arbeitsplatz, im Wohnviertel, in der Freizeit, dann ist das gelungene Inklusion.

In einer inklusiven Gesellschaft ist es normal, verschieden zu sein. Jeder ist willkommen. Und davon profitieren wir alle: zum Beispiel durch den Abbau von Hürden, damit die Umwelt für alle zugänglich wird, aber auch durch weniger Barrieren in den Köpfen, mehr Offenheit, Toleranz und ein besseres Miteinander. Fesseln und Begriffe. Kommen wir zum Titel: „Ist man eigentlich an einen Rollstuhl gefesselt?“ Bei mir kann ich eindeutig sagen. NEIN!!! Und wenn ich einen anderen Menschen sehen würde, der an einen – an seinen – Rollstuhl gefesselt wäre, würde ich ihn sofort losbinden oder mir Hilfe holen, um ihn gemeinsam loszubinden oder notfalls die Polizei rufen!

Die Redewendung wird oft genutzt. Viele Rollstuhlfahrer/innen empfinden sie eher als unangebracht, da sie nicht "gefesselt" sind. Im Gegenteil: Der Rollstuhl bedeutet Mobilität. Hinter dem Wort "Fessel" verbergen sich Assoziationen zu "Gefängnis" oder "schreckliches Schicksal", die Ängste und Projektionen bei nicht behinderten Menschen auslösen.

Durch das Sprachbild werden Menschen nicht nur auf ihre Behinderungen reduziert, auch eine Einschränkung der geistigen Mobilität schwingt bisweilen mit. Stattdessen kann einfach gesagt werden: Personen "benutzen einen Rollstuhl" oder "sind auf den Gebrauch eines Rollstuhls angewiesen". Mein Rollstuhl ist keine Fessel. Für mich – die ich erst spät mit einem Rollstuhl in Berührung kam – bedeutete der Rollstuhl von Anfang an dass ich wieder mehr machen konnte und dass ich wieder besser dabei sein konnte.

Auch ich habe – ehrlicherweise - Probleme gehabt, Hilfsmittel anzunehmen, habe aber schnell gemerkt, dass ein Stock, ein Rollator, der Rollstuhl nicht meine Freiheit einschränkte, sondern dass diese mir wieder mehr ermöglichen und mehr Freiheit zulassen.

Kaum, dass ich eine Woche lang den fahrbahren Untersatz hatte, war ich beim Rollstuhltanzen, denn Tanzen war schon seit vielen Jahren mehr als Hobby für mich. Gar nicht so weit von hier entfernt– in Hude - habe ich meine ersten Runden mit vier Rollen auf dem Tanzparkett gedreht. Ich habe geweint – nicht vor Frust, sondern vor Glück, dass ich mit dem Hilfsmittel Rollstuhl endlich mein Hobby wieder ausleben kann. Arrangieren geht immer dann leichter, wenn das Hilfsmittel passt und im wahrsten Sinne „hilft“,besser oder leichter teilzuhaben, dabei zu sein und mit machen zu können.

Vor 45 Jahren hießen Rollstühle noch »Krankenfahrstühle«. Klingt sperrig. Und so sahen sie auch aus. Das waren unhandliche Möbel. Silbermetallic, verchromt! Ziemlich breit außerdem, es gab keine passgenauen Zuschnitte. Da kamen Sie durch viele Türen gar nicht durch. Besser wurde es erst, als Rollstuhlfahrer eine eigene Fabrik gründeten. Heute werden Rollstühle maßgeschneidert – im optimalen Fall.

Das gilt entsprechend natürlich für alle Hilfsmittel und Hilfen für Menschen mit Behinderungen. Sei es eine Brille, ein Begleithund, taktile Orientierungshilfen und Leitsysteme, Untertitelungen im Kino und Fernsehen, Gebärdensprach-Dolmetscher, Assistenzen, Leichte Sprache und so weiter!! Leider ist es nicht so, dass jeder und jede die notwendigen Hilfsmittel rechtzeitig und frühzeitig erhält oder im Gebrauch ausreichend geschult wird. (Ersatzrolli / Fahrtraining) Noch näher als Hude ist Apen-Remels von hier entfernt. André van Rüschen, der 2016 ja fast omnipräsent in den Medien war, (für die Zwei oder Drei, die noch nicht von ihm gehört haben sollten, dass ist der Mann, der mit Querschnittlähmung als Pilot eines Exoskeletts einer israelischen Firma läuft.) Mit der Stützstruktur durch ein sogenanntes Exoskelett hat Andre van Rueschen beim Parcours mit robotischen Exoskeletten beim 1. internationalen Cybathlon im schweizerischen Kloten gesiegt.

Dabei sind Wettbewerbe etwas Spezielles. Auch, wenn man das nicht unterschätzen darf, da die Entwicklungen auch immer in neue Produkte einfliessen oder wenn sogar Entwicklungen in Frage gestellt werden, ob man mit einer Beinprothese nicht einen Vorteil habe. Beispiele: Oscar Pistorius (Läufer auf Prothesen/London 2012) Markus Rehm (Weitsprung1. Platz mit 8,21 m /Staffel 4 x 100 m: 1. Platz in 40,82 sec) Wichtig ist, dass was man für den Alltag mitnimmt, und mitnehmen kann.

Ich mit meinem Tanzen, André van Rüschen mit seinem Exoskelett, andere mit ihren passgenauen Hilfsmitteln. Wichtig ist die Augenhöhe, auf der alle Menschen mit einander umgehen sollten – ob mit oder ohne Beeinträchtigungen - jemand der mit einem anerkannten Begleithund unterwegs ist, muss diesen auch mit ins Krankenhaus, ins Schwimmbad oder Kino nehmen können. Aus meiner Erfahrung, die sich sicher mit vielen Erfahrungen anderer Menschen mit Beeinträchtigungen decken wird: Mit einem guten Hilfsmittel ist man nicht gefesselt, sondern man kann sich arrangieren mit der Situation. (Turnschuhe) Ohne Umweltbarrieren und ohne andere Barrieren – die oft nur in den Köpfen von anderen existieren – ist das mitmachen, mitwirken, mitbestimmen möglich.

Ich habe oft die Einladung des Lebens, mich über all die Dinge aufzuregen, die mir persönlich widerfahren. Aber auch die (Einladung), es nicht zu tun. Nach kurzem Überlegen entscheide auch ich auch mal, es nicht zu tun. Es ist unglaublich, wieviel Energie, Kraft und Wohlergehen es kostet, es immer wieder zu tun, tun zu müssen. Meine persönlichen Kämpfe suche ich mir aus und nehme nicht jede Einladung dazu an. Anders ist es selbstverständlich mit der Aufgabe als Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen. Hier nehme ich sehr wohl und immer wieder Kämpfe auf, das mache ich gerne, ich werde immer wieder pieken und darauf hinweisen, wo etwas nicht gut oder noch nicht gut läuft.

Inklusion ist ein Menschenrecht, das in der UN-Behindertenrechtskonvention festgeschrieben ist.

Deutschland hat diese Vereinbarung unterzeichnet - mit der Umsetzung von Inklusion stehen wir aber noch am Anfang eines langen Prozesses. Aktionsplan: Niedersachsen ist eines der letzten Bundesländer, welches einen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-BRK verabschiedet hat. Ich bin froh, heute sagen zu können, verabschiedet hat, denn das Kabinett hat am 6.1.17 den Aktionsplan beschlossen. Feierlich vorgestellt werden wird der Aktionsplan für die Jahre 2017 / 2018 am 25. Januar.

Inklusion ist kein Expertenthema – im Gegenteil. Sie gelingt nur, wenn möglichst viele mitmachen. Jeder kann in seinem Umfeld dazu beitragen. Und je mehr wir über Inklusion wissen, desto eher schwinden Berührungsängste und Vorbehalte.

Es geht um Menschenrechte.

Einen wichtigen Meilenstein bei der Umsetzung von Inklusion markiert die UN-BRK, die in Deutschland im Jahr 2009 in Kraft trat. Damit sind die Forderungen des internationalen Übereinkommens rechtlich verankert. Das reicht allerdings nicht aus. Um Denken und Handeln zu verändern, bedarf es weitaus mehr. Es muss auch jedem bewusst sein, wie wichtig Inklusion für das gesellschaftliche Miteinander ist. Sie kann nur dann gelingen, wenn möglichst viele Menschen erkennen, dass gelebte Inklusion den Alltag bereichert – weil Unterschiede normal sind.

Bundesteilhabegesetz: Ich möchte heute nur kurz auf das Bundesteilhabegesetz eingehen. Wenn ich darüber intensiv sprechen würde, käme jetzt noch ein mehrstündiger Vortrag. Nur so viel: Der Referentenentwurf war ein Schock. Es war beeindruckend, was Menschen mit Behinderungen dann auf die Beine gestellt haben und letztlich dann noch erreicht haben. Auch die Länder haben zum Schluss bei wesentlichen Punkten Zugeständnisse gemacht.

Auch der Vorsitzende des Ammerländer Behindertenbeirates Andreas Retzlaff hat sich intensiv eingebracht, genauso wie viele andere auch. Die Bewegung der Menschen mit Behinderungen hat richtig Fahrt aufgenommen und bewegt und war mit vielen Aktionen sehr präsent.  Zusammen mit meinen Länderkollegen und der Beauftragten des Bundes regelmäßig in persönlichen Gesprächen und vielen Telefonkonferenzen vereinbart, welche gemeinsame Postition und Strategie wir verfolgen.

Ich stimme denjenigen zu, die sagen: dass dieses Gesetz nicht das Ziel erreicht, Menschen mit Behinderungen wirklich aus der Fürsorge zu bekommen und Ihnen die notwendigen Hilfen ausreichend zur Verfügung zu stellen. Hier ist noch viel Engagement nötig. Und viel Mut, weitere wichtige Schritte zu gehen! Wir müssen jetzt aber auch dafür sorgen, dass Entscheidungen durch nicht ausreichende Formulierungen nicht zu Lasten der Betroffenen gefallen werden. Gerade in den letzten Wochen gab es schon einige Fälle, wo Menschen nicht nur sehr verunsichert wurden, sondern dass Ihnen auch echte Leistungskürzungen drohen. Und das, obwohl es heißt: niemand sei schlechter gestellt als vorher.

Menschen mit Behinderungen müssen weiter den Weg, also auch die Evaluation begleiten und wir alle müssen weiter dafür kämpfen, dass Teilhabe verbessert wird. Es ist noch ein weiter Weg zu gehen, bis wir davon sprechen können, dass die Menschenrechte, die die UN-Behindertenrechtskonvention für Menschen mit Behinderungen gestärkt hat, in den Lebenswelten der Betroffenen ankommt. Begriffe: Bertolt Brecht: Die Begriffe, die man sich von was macht, sind sehr wichtig. Sie sind die Griffe, mit denen man die Dinge bewegen kann. Viele nichtbehinderte Menschen reagieren hilflos, mitleidig oder peinlich berührt, wenn sie mit einer für sie „schrecklichen“ Behinderung konfrontiert werden. Diese Unfähigkeit mit einer Situation umzugehen, manifestiert sich oft auch im Sprachgebrauch. In Sprachbildern.

Es gibt eine Reihe von Begriffen und Ausdrücken auf, die behinderte Menschen sprachlich diskriminieren. So finden sich zahlreiche Redewendungen, die scheinbares Leid implizieren. Weitere Beispiele dafür sind: „an Behinderung leiden“, „einen Schicksalsschlag erleiden“, „sein Leben fristen müssen“, blinde Menschen in „absoluter Dunkelheit“ , „hilfsbedürftig sein“ oder eben an dem Begriff „an den Rollstuhl gefesselt zu sein“ ... wo mitschwingt, dass sie unselbständig seien, hilflos, unglücklich.

Der Fokus in Berichterstattung in der Presse liegt meist auf den Defiziten weniger auf dem, was alles möglich ist.

Unwillentlich übernehmen viele Klischees, die man im Kopf hat, als Perspektive. Stattdessen müssen Menschen mit Behinderung als Teil des Alltags abgebildet und wahrgenommen werden.

Menschen mit Behinderungen haben auch über andere Themen etwas zu sagen und könnten im Tatort auch "mal der Mörder sein - oder der Kommissar.

Behinderung wird thematisiert, auch wenn diese Menschen ebenso Arbeiterin, Vater, Künstler, Politiker, Verkehrsteilnehmerin, also verschiedene Rollen ausfüllt.

Viele Berichte über Menschen mit Behinderung haben wenig mit der Realität zu tun, es gelingt leider nicht  immer, ein objektives Bild zu zeichnen, auf Augenhöhe.

Stattdessen werden zu oft Klischees genutzt.

All das sind eher die Perspektiven von sehenden, laufenden, hörenden Menschen - die sich in dem Moment nicht vorstellen können, wie es ist, blind, gehörlos oder im Rollstuhl sitzend zu sein.

Wir brauchen einen nicht-diskriminierenden, respektvollen Umgang mit Sprache.

Was Richard von Weizäcker so treffend sagte „Nicht behindert zu sein ist kein Verdienst - sondern kann einem immer genommen werden“. Wir Menschen mit Behinderungen haben die gleichen Rechte. Das hat die UN-Behindertenrechtskonvention bestärkt. Wie allen anderen Menschen auch. Es ist kein Geschenk, dass wir mit dem Bus fahren dürfen. Dass wir dort wohnen, wo wir wohnen wollen. Und dort arbeiten, wo andere auch arbeiten. Und dass wir gemeinsam lernen können – ein Leben lang. Wir haben die gleichen Rechte.

Selbst erleben / Veranstaltungen: Immer dann, wenn man selber etwas erlebt, dann begreift man es wirklich, was es bedeutet, auf Barrierefreiheit angewiesen zu sein. Wenn die Mutter oder der Opa, oder ein Kind im Freundeskreis, plötzlich auf Barrierefreiheit angewiesen ist, erst dann merkt man, dass es oft doch viele kleine und große Barrieren gibt. Wenn jemand beispielsweise an der Stadtbahn in Hannover so viele Rollisymbole an den Stationen sieht, gewinnt man den Eindruck: jo- dat geiht alles. Aber erst dann, wenn ich selber nur diesen einen Weg – mit der Rampe, mit dem Fahrstuhl etc. nutzen kann, dann erlebe ich, dass eben nicht zu 100% alles funktioniert.

Und dass manchmal auch - für andere kleinere -Einschränkungen dazu führen kann, dass Menschen ausgeschlossen sind und eben nicht teilhaben können.

Ein Fahrstuhl, der sogar funktioniert, das klingt erst mal gut. Passt aber auch die Frau oder der Mann mit einem größeren Rollstuhl dort hinein? Kann sie oder er auch wieder aussteigen? Ich habe es selbst erlebt, dass nicht mal die Türen von Fahrstühlen in allen Etagen gleich breit sind. Vorher unvorstellbar.

Dazu gehört aber neben dem Hilfsmittel auch, dass es selbstverständlich ist, dass man Menschen mit ihren unterschiedlichen Beeinträchtigungen bei allen Treffen und Veranstaltungen vor vorneherein mitdenkt.

Natürlich ist jedem klar, man muss in den Veranstaltungsraum hineinkommen: das ist dann die typische Rampe oder der Fahrstuhl. Auch hier gibt es natürlich dann doch oft noch Ecken und Kanten, heißt, Türbreiten, die zu eng sind. Oder Gänge, die vollgestellt sind. Auch an die Orientierung muss gedacht werden, damit Menschen, die nicht oder gar nicht sehen, sich zurechtfinden. Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikations-einrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe auffindbar, zugänglich und nutzbar sind. Manchmal sind es auch die Möblierungen, die stören. So ist es für jemandem im Rollstuhl nicht wirklich schön, wenn es nur Stehtische gibt.

Sobald neben den Stehtischen auch andere Möbel vorhanden sind, merkt man, wie schnell diese angenommen werden. Denn außer den sichtbaren Behinderungen gibt es mindestens genauso viele nicht sichtbare Beeinträchtigungen: Knie schmerzen, das Gleichgewicht ist gestört, oder jemand der unsicher ist, weil er nicht so gut sehen kann. Auch viele blinde Menschen bevorzugen einen Sitzplatz.

Wenn dann eine Rede gehalten wird oder ein Vortrag gezeigt wird: kommt das bei allen Teilnehmenden an? Kann jeder die Botschaften verstehen? Ist die Sprache angemessen, werden Bilder und Grafiken von Präsentationen erklärt, gibt es verstärkungsanlagen für Menschen mit Hörgeräten? Wird gesprochenes ggfs. in Gebärdensprache oder Schriftsprache übersetzt?

Heiner Bielefeldt, 2009 S.15: Zum Innovationspotenzial der UN-Behindertenrechtskonvention. Essay No. 5. Berlin: Deutsches Instiut für Menschenrechte. 3. Auflage, S. 11. Online im Internet). „Ohne soziale Inklusion kann Autonomie praktisch nicht gelebt werden, und ohne Autonomie nimmt soziale Inklusion fast zwangsläufig Züge von Bevormundung an“.


Inklusion fördert also auch die Unabhängigkeit.

Zum Beispiel kann ein Rollstuhlfahrer in einer inklusiven Gesellschaft frei entscheiden, ob er zum Mittagessen zum „Italiener“ um die Ecke, in die Dönerbude oder in ein vier-Sterne-Restaurant geht, da alle Gastronomiebetriebe selbstverständlich barrierefrei sind und über ein barrierefreies WC verfügen.

Eine Frau mit Lernschwierigkeiten kann jeden beliebigen Volkshochschulkurs besuchen, da ihr die ggf. benötigte Unterstützung gestellt wird.

Die Eltern eines Kindes mit Behinderungen können überlegen, ob ihr vielfach begabtes Kind auf eine musikbetonte Schule, auf eine sprachbetonte Schule oder lieber auf eine Schule mit dem Schwerpunkt in Naturwissenschaften gehen soll.

Diese Wahlmöglichkeiten haben die Eltern, da selbstverständlich alle Schulen Kinder mit Behinderungen aufnehmen, barrierefrei sind und über genügend personelle und räumliche Ressourcen für den inklusiven Unterricht verfügen. „Inklusion ist geil“  Das habe ich mal auf einem Schild gelesen.

In einer inklusiven Gesellschaft ist die gleichberechtigte Teilnahme an allen gesellschaftlichen Aktivitäten auf allen Ebenen und in vollem Umfang für alle Menschen sichergestellt. Autonomie und Unabhängigkeit bleiben gewahrt, wenn die gesellschaftlichen Angebote auf die Bedürfnisse der vielfältigen Menschen eingestellt sind.

Inklusion als Menschenrecht heißt nicht, dass alle Menschen teilnehmen müssen, sondern es fördert Unabhängigkeit und Wahlmöglichkeiten. In einer inklusiven Gesellschaft kann sich jede/r entscheiden: Sitze ich zu Hause und mampfe gemütlich Chips auf dem Sofa oder gehe ich in den inklusiven Golfclub, der selbstverständlich barrierefrei ist und Menschen mit wenig oder gar keinen Einkommen, durch Förderung subventioniert, die Teilnahme am Golfkurs und am Golfclubleben mit allem drum und dran ermöglicht.

Vielleicht hat das wirklich etwas Romantisches. Andrerseits ist es wiederum extrem unromantisch, wenn immer wieder die gleichen Leute unter sich sind und dadurch wenige Kontakte zu anderen Menschen, die anders sind als man selbst, entstehen können.

Das fördert eher soziale Kälte, Ignoranz und Vorurteile. Bestimmte Bereiche sind als so schädlich erkannt worden, dass sie schon längst hätten abgeschafft werden müssen. So sind Förderschulen total unromantisch. Denn: Prof. Klaus Klemm 2014, Südwest Presse: “Alle Studien zum Lernerfolg zeigen, dass die Mehrheit der behinderten Kinder in der Regelschule größere Fortschritte macht als in der Förderschule – und öfter einen Schulabschluss erreicht, der berufliche Perspektiven eröffnet.”

Im schlechtesten Fall kann z.B. die Scham über den Ausschluss aus dem Regelschulsystem und der stigmabehafteten Sonderschulstatus weitere negative Folgen für die Entwicklung des Selbstkonzeptes haben.

Inklusion ist keine Sozialromantik, sondern eine realistische, konkrete und menschliche Praxis zur Demokratisierung und Förderung von Gerechtigkeit und Gleichbehandlung.

Sondereinrichtungen für Menschen mit Behinderungen, wie Förderschulen, Werkstätten für Menschen mit Behinderungen wurden bei der Staatenberichtsprüfung zur Umsetzung der UN-BRK gerügt.

Behinderungen sind kein individuelles Problem. Behinderungen entstehen durch Barrieren.

Behinderungen entsteht zu großen Teilen durch soziale Faktoren, weil Treppenstufen, schwere Sprache, Ungleichbehandlung und Vorurteile Teilhabe ver- oder auch behindern.

Inklusion ist eine Win-Win-Situation für alle, die selbstverständlich nicht immer konfliktfrei verläuft. Inklusion ist aber keine utopische Sozialromantik. Wird Inklusion als diese abgetan, werden Diskriminierungen als akzeptierende Normalität wahrgenommen. Es entsteht die Botschaft, dass ausgrenzendes Verhalten, egal ob von Menschen oder Institutionen ausgehend, in Ordnung ist. Inklusion und inklusive Prozesse reagieren auf Ausgrenzungstendenzen. Inklusion ist dabei kein Teilaspekt, sondern ein ganzheitlicher Ansatz für gleichberechtigte Teilhabe und fördert die Fähigkeit mit Unterschieden umzugehen. Das kann am besten in inklusiven Settings - also gerade nicht in Sonderwelten - verwirklicht werden.

Daher müssen gut ausgestattete inklusive Schulen flächendeckend gleichberechtigte Teilhabe ermöglichen.

Wir brauchen mehr passende Arbeitsplätze – mit den erforderlichen Rahmenbedingungen für Menschen mit unterschiedlichsten Beeinträchtigungen. Gerade psychisch und seelisch behinderte Menschen brauchen mehr passende Angebote.

Wir brauchen mehr barrierefreien Wohnraum.

Inklusion muss in der Quartiersplanung immer Thema sein und mitgedacht werden.

Teil 3 – UN-BRK – Vielfalt - Partizipation: Wir arbeiten an einer Welt in der jeder Mensch mit den eigenen Fähigkeiten etwas beitragen darf und beitragen soll. Das meint der Begriff der Inklusion.

Jeder ist willkommen und soll mittun, unabhängig von Herkunft, religiöser und sexueller Orientierung und auch unabhängig von seinen Fähigkeiten oder Beeinträchtigungen. Jeder Mensch ist notwendig und wertvoll. Das gilt selbstverständlich auch für alle Menschen, die auf den ersten Blick vielleicht erst mal mehr brauchen, als geben können. Das gilt auch für Menschen mit Behinderungen.

Wir als Gesellschaft sind gefragt, die Barrieren einzureißen, die Menschen erst richtig behindern. Und das gilt auch für die Menschen, die vor Not und Vertreibung zu uns fliehen.

Es ist ja nicht so, dass Menschen mit Behinderungen – genauso wie Geflüchtete – nur etwas brauchen. Natürlich brauchen Sie auch Solidarität, ein Dach über dem Kopf, Essen, Trinken und eine gute Gesundheitsversorgung. Aber sie haben auch viel zu geben, ihre Erfahrungen, ihr Wissen, ihre Kultur und ihre Gestaltungskraft – gestalten wir unsere solidarische Gesellschaft gemeinsam partizipativ.

Dabei finde ich es entscheidend, dass wir es schaffen, alle mit einzubeziehen. Wir müssen jedem und jeder ermöglichen, mitzutun und mitzugestalten – wirklich anzukommen in unserer Mitte, das  bedeutet auch ehrlich gehört und einbezogen zu werden.

Dabei gilt immer: Der Wert eines Menschen hängt nicht von dem Beitrag ab, den er oder sie leistet. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Nur wenn wir das Leben mit unantastbarer Würde ausgestattet sehen, dann kann der Wert eines Menschen, egal ob er sich einbringt oder nicht, nie auf null gehen.

Es ist gerade die Aufgabe des Gemeinwesens, den Einzelnen zu fördern und ihr und ihm die Möglichkeiten und nicht etwa die Pflicht zu eröffnen, sich zu entfalten. Das ist der Grundgedanke von Teilhabe. Dabei geht es nicht darum, von oben herab, gewissermaßen in unserer Güte, etwas zu verteilen, sondern um die radikale Anerkennung der Gleichberechtigung der gleichen Rechte aller.

Jede und jeder kann etwas beitragen und die Gemeinschaft ist dann mehr als nur die Summe der Einzelnen.

Eine echte Gemeinschaft lebt von der Vielfalt, von unserer Vielfalt und wenn wir es schaffen, diese Vielfalt als Chance und nicht als Bedrohung zu sehen, dann macht uns das alle reicher.

Diese Gemeinschaften finden sich überall, auch heute hier in diesem Kreishaus, wenn wir ‘rausgehen, oder bei unserer Arbeit, in unseren Familien, in der Nachbarschaft, in der Kneipe oder beim Sport.

Forderung: Ich will nun doch noch mal kurz auf das Bundesteilhabegesetz zurückkommen. Das neue Bundesteilhabegesetz, dem der Bundestag Mitte Dezember zugestimmt hat, darf nicht als Vorlage für Rotstiftaktionen missbraucht werden. Ich warne vor der Illusion zu glauben, man könne damit die Lage von Menschen mit Behinderung verbessern und zugleich Kosten sparen. Wenn wir es gut machen wollen, wird es teurer werden. Dieser Wahrheit muss man sich stellen, sonst werden die gut gemeinten Grundsätze des Gesetzes ins Gegenteil verkehrt. Mit dem Bundesteilhabegesetz will die Bundesregierung dafür sorgen, dass Menschen mit Behinderung künftig selbstständiger leben, wohnen und arbeiten können. Sie sollen mehr vom Einkommen und Vermögen behalten dürfen, auch wenn sie Eingliederungshilfe bekommen. Zudem sollen Ämter, Sozialkassen und Behörden staatliche Leistungen künftig aus einer Hand anbieten. Fachleute sprechen von einem „Paradigmenwechsel in der Behindertenhilfe“, während viele Behindertenaktivisten nach wie vor erhebliche Bedenken äußern.

Sozialer Zusammenhalt, Aufstieg durch berufliche Bildung  - Digitalisierung / Chancen Risiken.

Abschluß: © Antoine de Saint-Exupery: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“

Mir ist vor allem wichtig, dass die Umsetzung der UN- Behindertenrechtskonvention das Engagement aller braucht - den Bund, die Länder, die Städte, die Wirtschaft und jede und jeden einzelnen.

© Willy Meurer, (*1934) Wer wirklich etwas will, findet einen Weg. Wer nicht wirklich will, findet Ausreden.

Ich wünsche mir, im neuen Jahr recht viele Frauen und Männer anzutreffen, die wahrhaft Wege suchen und finden.

Mit einem weiteren Wunsch schließe ich mich Horst Köhler (ehemaligen Bundespräsident) an, „Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der das Miteinander von Menschen mit Behinderungen selbstverständlich ist.“

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Impressionen zum Neujahrsempfang finden Sie hier!


 
zurück